Wie Diabetes wirklich entsteht – und wie Dr. Robert Lustig erklärt, dass er biologisch heilbar ist
- Norman Röwe

- Nov 30, 2025
- 14 min read
Updated: Dec 6, 2025
In den letzten Jahren hat sich in der Diabetesforschung etwas Entscheidendes verändert – still, fast unbemerkt, aber wissenschaftlich eindeutig. Während Millionen Menschen weiter hören, Typ-2-Diabetes sei „chronisch“ und „lebenslang“, zeigen immer mehr Studien das Gegenteil. Und einer der klarsten, lautesten und angesehensten Stimmen in diesem Wandel ist Dr. Robert Lustig.
Lustig ist nicht irgendein Ernährungs-Guru. Er ist Professor für Endokrinologie an der University of California (UCSF), Kinderarzt, Forscher seit über vier Jahrzehnten – und einer der wenigen Experten, die sowohl die biochemischen Mechanismen als auch die politischen Hintergründe der modernen Ernährung tief verstanden haben. Seine Vorträge („The Bitter Truth“) zählen zu den meistgesehenen medizinischen Präsentationen der Welt; er hat Regierungen beraten und zahlreiche Fachpublikationen geschrieben.
Und genau dieser Mann sagt etwas, das für viele Betroffene fast unglaublich klingt: Typ-2-Diabetes ist nicht die Krankheit der Bauchspeicheldrüse – sondern eine Überlastung der Leber. Und sobald man der Leber Ruhe gibt, kann sich Diabetes in kurzer Zeit zurückbilden.
Das klingt fast provokant. Jahrzehntelang wurde uns erklärt, Typ-2-Diabetes sei unheilbar, eine chronische Erkrankung wie ein kaputtes Zahnrad, das immer schlechter läuft. Die Standardtherapie laut Lehrbuch: Medikamente, Insulin, „ausreichend Kohlenhydrate essen“, regelmäßige Kontrolle. Lustig und viele andere Experten sprechen inzwischen von einem historischen Irrtum. Und das Spannende ist: Die modernen Studien geben ihnen recht.
Warum dieser Denkfehler? Weil die gesamte klassische Diabetes-Erzählung sich um die Bauchspeicheldrüse dreht – um vermeintlich „zu wenig“ Insulin. Die neue Forschung zeigt dagegen sehr klar: Die Krankheit beginnt viel früher – in der Leber. Und sie beginnt nicht mit zu wenig Insulin, sondern mit viel zu viel davon.
Prof. Dr. Robert Lustig
Typ 2 Diabetes ist heilbar wenn man den Zucker und die hochverarbeiteten Kohlenhydrate aus der Ernährung eliminiert und der Leber eine Pause gibt. Doch Pharmaindustrie und veraltetet Leitlinien erzählen euch eine andere Geschichte
Lustigs zentrale Aussage lässt sich auf eine einfache Wahrheit herunterbrechen: Typ-2-Diabetes entsteht nicht, weil die Bauchspeicheldrüse „schwach“ wird. Im Gegenteil – sie arbeitet jahrelang auf Hochtouren. Das eigentliche Problem beginnt viel früher und sitzt in der Leber. Dieses Organ ist das Kontrollzentrum unseres Zucker- und Fettstoffwechsels: Die Leber entscheidet, wie viel Zucker im Blut bleibt, wie viel als Glykogen gespeichert wird und wie viel bei Überlastung in Fett umgewandelt wird. Gleichzeitig produziert die Leber selbst ständig Glukose für Gehirn und Muskulatur und soll diese Produktion eigentlich stoppen, sobald Insulin ankommt.
Die Frunktionsweise des Systems erklärt am Beispiel eines Leistungsnachwuchszentrtum
Stelle dir eine Leber wie einen großen Fußballverein vor, der ein Jugendleistungszentrum betreibt. Täglich kommen dort neue Jungspieler an. Ein Teil stammt aus dem eigenen Verein – das entspricht der Glukose, die die Leber selbst herstellt, ganz unabhängig davon, ob du gerade etwas gegessen hast oder nicht. Der andere Teil sind Talente aus umliegenden Orten – das sind die Zucker- und Fruktosemoleküle aus deiner Nahrung. Solange der Zustrom überschaubar bleibt, sortiert der Jugendleiter – also das Insulin – die Spieler sauber in die verschiedenen Teams ein. Die besten Talente landen in leistungsstärksten Mannschaft, die schwereren oder weniger flexiblen Spieler eher in den Reserveteams, die wir hier als „Fettreserve“ bezeichnen können. Solange alles geordnet läuft, behält der Jugendleiter den Überblick, und der gesamte Verein funktioniert harmonisch.
Das Problem beginnt jedoch in dem Moment, in dem zu viele Spieler auf einmal eintreffen. Kohlenhydratreiche Mahlzeiten, Snacks zwischendurch, Softdrinks, Säfte, Brot, Nudeln, Reis, Süßigkeiten – all diese Quellen schicken täglich große Mengen neuer Spieler in den Verein. Gleichzeitig produziert die Leber weiterhin ihren eigenen Nachwuchs, denn sie stellt immer Glukose bereit, selbst dann, wenn du nicht isst. Irgendwann sind die Mannschaften komplett überfüllt. Der Jugendleiter versucht weiter zu sortieren und arbeitet praktisch Tag und Nacht, aber er schafft es nicht mehr, Ordnung herzustellen. Unter Stress sortiert er hastig immer mehr Spieler in die Ersatzmannschaften ein, weil die erste Mannschaft schon längst voll ist und leistungsfähig bleibnen muss. Genau an diesem Punkt beginnt die Insulinresistenz – der Zustand, in dem die Leber nicht mehr richtig auf Insulin reagiert und schlichtweg überfordert ist.
Mit der Zeit wächst die „Fettreserve“ so stark, dass sie das gesamte System blockiert. Die Teams sind voll, die Kabinen ebenfalls, es gibt keine freie Kapazität mehr. Dennoch treffen weiterhin täglich neue Spieler ein und zusätzlich produziert die Vereinsakademie immer noch eigene Talente. Die Leber arbeitet ununterbrochen, aber chaotisch und weit über ihrer Belastungsgrenze. Diese Überfüllung führt direkt zur Fettleber, und eine verfettete Leber ist der zentrale Mechanismus von Typ-2-Diabetes. Das Entscheidende: Diese Überlastung beginnt viele Jahre, bevor der Blutzucker überhaupt ansteigt. Die Insulinresistenz kommt zuerst – der erhöhte Blutzucker ist nur das späte Symptom eines Systems, das schon lange kollabiert ist.
Wenn der Verein an diesem Punkt angekommen ist, passiert etwas Entscheidendes: Er kann keine neuen Spieler mehr aufnehmen. Die Türen bleiben sprichwörtlich geschlossen. Die Zuckerbausteine, die eigentlich in die Leber transportiert werden sollten, bleiben draußen stehen – im Blut. Das ist der Moment, in dem der Blutzucker plötzlich sichtbar steigt. Erst jetzt klettert der HbA1c nach oben. Nicht, weil plötzlich etwas Neues passiert, sondern weil die Kompensationsmechanismen der letzten Jahre zusammengebrochen sind.
Genau an dieser Stelle begeht die klassische Therapie ihren größten Fehler. Sie versucht, den überfüllten Verein dadurch zu „reparieren“, dass sie einfach mehr Jugendleiter einstellt – also mehr Insulin gibt. Kurzfristig kann das mal gutgehen, weil der völlig überforderte Jugendleiter etwas entalstet wird aber wo kein Platz ist ist kein Platz, und neue Jugendleiter einzustellen ist an dieser Stelle eine ziemlich blöde Strategie. Der Kern des Problems wird nicht gelöst.
Die eigentliche Lösung ist verblüffend logisch: Ein überfüllter Verein braucht einen Aufnahmestopp und Entlastung. Er braucht Zeiten, in denen keine neuen Spieler ankommen – das entspricht Fasten oder längeren Pausen zwischen den Mahlzeiten und eine Reduktion von 3 Mahlzeiten auf 2. Er braucht Phasen, in denen deutlich weniger externe Spieler eintreffen – das bedeutet drastisch weniger Zucker, weniger raffinierte Kohlenhydrate (Brot, Reis, Nudeln), weniger Fruktose. Und er braucht vor allem Spieler, die das System nicht belasten, also solche die er in die erste Mannschaft intergieren kann – Eiweiß, Fisch, Fleisch, natürliche Fette. Wenn diese Entlastung einsetzt, beginnen die Teams sich wieder zu ordnen. Die überfüllten Ersatzmannschaften schrumpfen. Der Jugendleiter kommt wieder aus dem Stress und kann koordinieren. Die Vereinsakademie produziert wieder sinnvoll und in angemessenem Maße. Der Verein, also die Leber, funktioniert wieder – und genau das ist die Heilung der Insulinresistenz: kein Mysterium, keine komplizierte Wissenschaft, sondern ein logischer, vollständig verständlicher Prozess.
Viele Menschen bekommen von Ärzten oder Ernährungsberatern gut gemeinte, aber vollkommen unzureichende Empfehlungen: „Iss einfach weniger Kohlenhydrate“, „Tausch das Roggenbrötchen gegen ein Vollkornbrötchen“, „Iss Brot nur noch drei- statt fünfmal pro Woche“. Das klingt vernünftig – ist es aber nicht. Denn für jemanden mit Insulinresistenz oder beginnendem Diabetes ist diese Empfehlung in etwa so logisch, wie dem überfüllten Fußballverein zu sagen: „Ich schicke dir heute nicht 20 neue Jugendspieler, sondern nur 10.“ Der Punkt ist: Der Verein ist trotzdem überfüllt. Denn im Inneren hat sich nichts verändert. Viele fragen sich dann: Was kann ich überhaupt noch essen? In unserem Ernährungsartikel zeigen wir genau das – welche Lebensmittel geeignet sind und wie eine gesunde Auswahl im Alltag aussieht.
Wenn die Mannschaften komplett voll sind und der Jugendleiter (also das Insulin) ohnehin schon erschöpft rund um die Uhr versucht, Ordnung ins Chaos zu bringen, dann macht es keinen Unterschied, ob etwas weniger Nachwuchs aufläuft. Wenn niemand mehr aufgenommen werden kann, dann ist jeder zusätzliche Spieler zu viel – egal, ob er aus Weißmehl, Vollkorn oder Bio-Roggen besteht. Solange weiterhin Spieler eintreffen, bleibt das Problem bestehen.
Genau deshalb ist ein „bisschen weniger Kohlenhydrate“ keine echte Lösung. Was die Leber in dieser Situation braucht, ist kein reduziertes Chaos, sondern eine Pause. Einen Aufnahmestopp. Eine Phase, in der keine oder kaum neue Spieler ankommen. Erst dann bekommt der Jugendleiter wieder Luft, erst dann können die Mannschaften schrumpfen, erst dann werden die Abläufe geordnet.
Diese Perspektive macht klar, warum Typ-2-Diabetes eigentlich eine Erkrankung der Leber ist – nicht der Bauchspeicheldrüse. Wird die Leber entlastet, indem man Zucker, Fruktose und raffinierte Kohlenhydrate reduziert und stattdessen echte Lebensmittel, Eiweiß und gesunde Fette isst, kann sie sich regenerieren. Die Insulinsensitivität kehrt zurück, Insulinwerte sinken, und der Blutzucker normalisiert sich oft schon nach wenigen Wochen. Die „Heilung“ ist also biologisch möglich – der Körper will sie sogar –, aber sie setzt voraus, dass man die Leber endlich aus dem Dauerstress befreit.
Der gebrochene Fuß vs die gebrochene Leber
Menschen, mit denen ich spreche, sagen dann Dinge wie: „Auf mein Brötchen am Morgen kann ich nicht verzichten“ oder „Haferflocken esse ich schon mein ganzes Leben – warum soll ich das plötzlich ändern?“ Diese Sätze wirken harmlos, fast selbstverständlich. Doch genau hier beginnt das Missverständnis, das Typ-2-Diabetes für viele zu einer schleichend lebensgefährlichen Krankheit macht. Denn das, was biologisch notwendig wäre, unterscheidet sich radikal von dem, was die meisten für „vernünftig“ halten.
Um den Mechanismus wirklich zu verstehen, hilft ein Vergleich, der so einfach wie entwaffnend logisch ist: Stell dir vor, du brichst dir das Bein. Niemand würde in dieser Situation sagen: „Ich laufe weiter wie immer, ich bin jahrelang auf zwei Beinen gegangen, warum sollte ich jetzt plötzlich anders handeln?“ Jeder weiß instinktiv, dass ein gebrochenes Bein Ruhe braucht. Es wird eingegipst, entlastet, sechs bis acht Wochen stillgestellt. Du würdest nicht darauf gehen, nicht sprinten, nicht so tun, als sei alles wie zuvor. Warum? Weil der Schmerz dich sofort bremst. Der Schmerz zwingt dich zu einer Entscheidung, die biologisch richtig ist: Pause.
Bei Typ-2-Diabetes passiert biologisch etwas sehr Ähnliches – nur ohne Schmerz. Diabetes ist im Kern eine funktionell überlastete, „gebrochene“ Leber. Eine Leber, die mit Zucker, Fruktose und raffinierten Kohlenhydraten jahrelang überschüttet wurde, bis sie nicht mehr richtig arbeiten kann. Der Unterschied zum gebrochenen Bein: Die Leber tut nicht weh. Sie schreit nicht auf, sie zwingt dich nicht, innezuhalten. Die Signale sind leise, schleichend, leicht zu übersehen: Müdigkeit, mehr Bauchfett, ständige Hungergefühle, schlechtere Haut, sinkende Energie, leicht erhöhte Zuckerwerte. All das sind Warnzeichen – aber keine, die dich stoppen.
Und genau deshalb handeln viele Menschen völlig entgegen dem, was biologisch notwendig wäre. Statt der Leber eine echte Ruhepause zu geben, folgen sie Empfehlungen wie: „Iss statt Weißbrot lieber Vollkornbrot“, „nimm statt fünf Scheiben eben drei“, „Haferflocken sind in Ordnung, solange du sie mit Beeren kombinierst.“ Doch in Wahrheit entspricht das einer absurden Empfehlung: „Dein Bein ist gebrochen – anstatt es einzugipsen, stell einfach den großen Zeh ruhig“ Jeder erkennt sofort, wie unsinnig das beim gebrochenen Fuß wäre. Bei Diabetes hingegen wird diese Logik ständig angewandt.
Was der Körper in Wahrheit braucht, ist ein klarer, unmissverständlicher Aufnahmestopp – eine Phase, in der keine neuen Kohlenhydrate eintreffen. Die Leber braucht Zeit, ihre überfüllten Speicher zu entleeren, ihre Strukturen zu reparieren und die Insulinsensitivität zurückzugewinnen. Das geschieht nicht, indem man „weniger“ Brot isst oder „gesündere“ Kohlenhydrate wählt, sondern indem man dem Organ wirklich Ruhe gibt: längere Essenspausen, Fastenfenster, die Umstellung von drei auf zwei Mahlzeiten, und – zumindest für eine Weile – der konsequente Verzicht auf Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Gebäck und Zucker. Erst dann kann die Leber anfangen, sich zu erholen.
Dass so wenige Menschen diesen Weg gehen, hat nichts mit mangelnder Intelligenz oder Willenskraft zu tun, sondern damit, dass die Krankheit am Anfang nicht schmerzt. Der fehlende Schmerz ist der eigentliche Grund, warum Diabetes unterschätzt und falsch behandelt wird. Und genau das ist gefährlich, denn Typ-2-Diabetes gehört nicht nur zu den häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit, sondern auch zu den folgenschwersten: Herzinfarkt, Schlaganfall, Erblindung, Nierenversagen, Nervenschäden, Demenz – die Liste ist lang und erschreckend.
Das Paradoxe ist: Die Krankheit ist gleichzeitig eine der am leichtesten behandelbaren, wenn man den biologischen Mechanismus wirklich versteht. Studien zeigen, dass viele Menschen ihren Diabetes in sechs bis acht Wochen dramatisch verbessern oder vollständig rückgängig machen können – allein durch das, was einem gebrochenen Bein entspricht: Ruhe, Entlastung und der konsequente Verzicht auf erneute Belastung, bis das Organ wieder funktionsfähig ist.
Ein aktuelles Beispiel: 97 % Verbesserungen in realen Hausarztpraxen (BMJ Nutrition, 2023)
Ein besonders eindrucksvoller Beleg für die Wirksamkeit kohlenhydratreduzierter Ernährung stammt aus einer aktuellen britischen Studie, die 2023 in BMJ Nutrition erschienen ist. Darin wurden 186 Typ-2-Diabetiker aus ganz normalen Hausarztpraxen im NHS beobachtet – nicht in Spezialkliniken, nicht in Laborbedingungen. Die Patienten stellten ihre Ernährung langfristig auf Low-Carb um. Das Ergebnis ist bemerkenswert klar: 97 % verbesserten ihre Blutzuckerkontrolle, und 51 % erreichten eine vollständige Remission, also HbA1c unter 6,5 % ohne jegliche Medikamente. Auch der Bedarf an Tabletten und Insulin sank drastisch (bei über 70 % konnten Medikamente reduziert oder abgesetzt werden), während die Teilnehmer im Schnitt rund 10 kg Körpergewicht verloren.

Die Daten zeigen sehr deutlich: Wenn man den Zustrom an Kohlenhydraten senkt und der Leber Zeit gibt, sich zu entlasten, bessert sich die Stoffwechsellage nicht nur – bei vielen normalisiert sie sich komplett. Besonders spannend: Der größte Fortschritt trat in den ersten 12–15 Monaten ein, danach stabilisierten sich die Werte auf niedrigem Niveau. Für Patienten bedeutet das: Wer konsequent bleibt, kann innerhalb eines Jahres echte, messbare Veränderungen erreichen – oft ohne Medikamente.
Lustigs Punkt ist daher glasklar: Wenn Diabetes in der Leber entsteht, dann heilt Diabetes auch wieder in der Leber. Nimmt man der Leber diese Belastung weg, sinkt das Leberfett. Sinkt das Leberfett, verbessert sich die Insulinsensitivität. Und sobald die Insulinsensitivität steigt, normalisieren sich Blutzucker und A1c oft überraschend schnell – manchmal innerhalb von Wochen.
Wichtig ist dabei zu verstehen, dass viele Menschen nicht erst reagieren sollten, wenn der A1c-Wert erhöht ist. Entscheidend ist das Nüchterninsulin – ein Marker, der viel früher anzeigt, dass die Leber bereits kämpft. Ein Nüchterninsulin über 8 µU/ml ist ein Warnsignal, ein Wert zwischen 3 und 6 dagegen optimal. Doch genau dieser Wert wird erstaunlich selten gemessen. Würden Ärzte ihn routinemäßig bestimmen, würden Millionen Menschen erkennen, dass sie längst im Prädiabetes stecken, obwohl ihr A1c noch „normal“ aussieht. Prädiabetes ist daher keine harmlose Vorstufe, sondern der Moment, in dem die Leber laut ruft: Bitte entlaste mich jetzt – bevor ich endgültig kollabiere.
Warum mehr Insulin das Kernproblem nicht löst – und was das für Medikamente bedeutet
Wenn man versteht, wie Typ-2-Diabetes entsteht, wird schnell klar, warum viele klassische Behandlungswege nicht wirklich heilen, sondern häufig sogar verschlimmern. Bei Diabetes Typ 2 liegt anfangs kein Insulinmangel vor – im Gegenteil: Die Bauchspeicheldrüse produziert oft jahrelang zu viel Insulin, um die überforderte Leber und Muskulatur zu „überreden“, Zucker aufzunehmen. Das Problem ist also nicht zu wenig Insulin, sondern zu viel Insulin bei zu geringer Wirkung – die berühmte Insulinresistenz. Deshalb führt eine Therapie, die den Insulinspiegel weiter erhöht, langfristig fast immer in eine Sackgasse. Sie senkt zwar den Blutzucker kurzfristig, aber sie treibt dieselben Mechanismen an, die das Problem erzeugt haben: mehr Fettspeicherung, mehr Gewicht, mehr Insulinresistenz. Genau darauf weisen Forscher wie Robert Lustig, Jason Fung, Ben Bikman und David Ludwig seit Jahren hin.
Was bedeutet das für Metformin, Insulin & moderne Medikamente?
Viele Diabetes-Patienten erhalten früh im Verlauf zusätzliche Medikamente, ohne jemals zu hören, wie stark Ernährung und Lebensstil den Verlauf bestimmen. Doch nicht jedes Medikament wirkt gleich:
Insulinpräparate
Sie senken den Blutzucker zuverlässig, aber erhöhen gleichzeitig den Insulinspiegel. Für Menschen mit fortgeschrittenem Diabetes kann Insulin lebenswichtig sein – keine Frage. Doch früh im Verlauf führt es häufig zu Gewichtszunahme und verschlechtert die Insulinresistenz, statt sie zu lösen. Deshalb kritisieren oben genannte Wissenschaftler den reflexhaften Einsatz von Insulin bei frischen Diagnosen.
Metformin
Metformin ist ein Sonderfall. Es senkt den Blutzucker, ohne den Insulinspiegel zu erhöhen. Es entlastet die Leber geringfügig und verbessert die Insulinsensitivität etwas. Nebenwirkungen sind meist mild (Verdauung, B12-Mangel möglich), doch auch Metformin heilt Diabetes nicht – es stabilisiert nur.
GLP-1-Agonisten (Ozempic, Wegovy, Mounjaro)
Diese Medikamente erzeugen oft schnellen Gewichtsverlust, aber in Studien nehmen 70–90 % nach Absetzen wieder zu – häufig über das Ausgangsgewicht hinaus. Fast alle Anwender berichten über Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit oder Sehstörungen. In schweren Fällen treten Gallenentzündungen oder Darmträgheit auf. Allgemein ist davon dringend abzuraten. Für einzelne Patienten in Notlagen können sie sinnvoll sein, doch sie ersetzen keinesfalls den Lebensstil, der die Insulinresistenz wirklich umkehrt.
Medikamente können unterstützen, stabilisieren und akute Phasen überbrücken. Aber sie können das zentrale Problem – die überlastete Leber, den dauerhaft zu hohen Insulinspiegel und die Stoffwechselblockade – nicht reparieren. Das gelingt ausschließlich durch Faktoren, die Insulin senken:
echte, unverarbeitete Lebensmittel, Eiweiß, natürliche Fette, Bewegung, Tageslicht und der Verzicht auf industrielle Kohlenhydrate. Erst wenn der Insulinspiegel sinkt, bekommt der Stoffwechsel eine Chance zu heilen.
Damit kommen wir zu einem letzten zentralen Punkt von Lustig: Viele Menschen unterschätzen, wie viele vermeintlich „harmlose“ Lebensmittel zu denselben metabolischen Reaktionen führen wie purer Zucker. Nicht nur Süßigkeiten, sondern auch Pasta, Brot, Reis, Müsliriegel, Cerealien, Fruchtjoghurt und sämtliche Fertigprodukte überfordern die Leber und treiben den Blutzucker hoch. Ein guter Merkmechanismus lautet: Alles, was mehr als vier bis fünf Zutaten hat, gehört nicht in den Körper – sondern in den Müll.
Und genau darum geht es Lustig: Nicht um Verzicht, nicht um Diäten, nicht um moralische Urteile, sondern um Biologie. Diabetes ist in großen Teilen eine ernährungsbedingte Erkrankung – und ernährungsbedingte Erkrankungen kann man durch Ernährung auch wieder heilen. Viele klinische Studien, beispielsweise die wegweisenden Arbeiten der Newcastle University, zeigen, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes innerhalb weniger Wochen eine vollständige Normalisierung ihrer Leberfettwerte erreichen können – und oft damit auch eine Remission der Erkrankung.
Warum eine Fettleber fast immer zu Übergewicht führt
Was viele Menschen nicht wissen: Eine verfettete Leber macht nicht nur krank – sie macht auch dick. Und zwar nicht „irgendwie“, sondern über einen sehr klaren Mechanismus. Die Leber ist das zentrale Organ, das entscheidet, ob Energie verbrannt oder gespeichert wird. Wenn sie gesund ist, nimmt sie Zucker aus der Nahrung auf, speichert einen kleinen Teil als Glykogen und wandelt nur geringe Mengen in Fett um und speichert diesen- Den großen Rest gibt sie ins Blut ab wo er anderen Geweben zur Verfügung gestellt wird (z.B. den Muskeln) oder ein Teil wird verbrannt um Energie zu gewinnen. Sobald sie jedoch überlastet ist – durch zu viele Kohlenhydrate, Fruktose, Snacks oder ständig erhöhtes Insulin – muss sie immer größere Mengen ankommender Energie in Fett umwandeln. Dieses Fett schickt sie direkt in den Bauchraum, wo das typische viszerale „Bauchfett“ entsteht. Gleichzeitig hält die Fettleber den Insulinspiegel dauerhaft hoch, und ein hoher Insulinspiegel blockiert die Fettverbrennung im ganzen Körper. Die Folge: Man lagert mehr Fett ein, als man verbrennen kann. Genau deshalb kommt Übergewicht bei Typ-2-Diabetes so häufig vor. Und genau deshalb verschwinden Bauchfett und erhöhte Zuckerwerte oft gleichzeitig, sobald die Leber entlastet wird – durch weniger Kohlenhydrate, mehr Essenspausen und echte, natürliche Lebensmittel.
Dieser Mechanismus wird auch von Dr. Andrew Huberman beschrieben, einem der bekanntesten Neurowissenschaftler der Welt (Stanford University), der inzwischen vielen als einer der einflussreichsten „Biohacker“ gilt.

Er erklärt, dass Menschen besonders schnell Fett verlieren, sobald sie die Kombination aus hochverarbeiteten Kohlenhydraten und industriellen Fetten weglassen – also genau jene Mischung, die die Leber überlastet, die Insulinwerte hochhält und die Fettverbrennung blockiert. Werden Brot, Pasta, Reis, Zucker und verarbeitete Lebensmittel durch einfache, natürliche Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Eier, Gemüse und Obst ersetzt, sinkt das Insulin, Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin steigen moderat an, und die Lipolyse – also echte Fettverbrennung – setzt wieder ein. Huberman betont: Viele Menschen verlieren dann innerhalb weniger Wochen deutlich Körperfett, weil der Stoffwechsel endlich zurück in den normalen Fettoxidationsmodus schaltet.
Hohe Blutzuckerwerte am Morgen als Folge einer „gebrochenen Leber“
Auch der typische morgendliche Blutzuckeranstieg lässt sich durch zwei einfache Fehler im System erklären. Zum einen produziert die Leber in den frühen Morgenstunden automatisch Glukose – ein ganz normaler Prozess. Doch bei Insulinresistenz kommt das „Stoppsignal“ des Insulins nicht mehr richtig an, sodass die Leber weiter Zucker freisetzt, obwohl längst genug im Blut ist. Gleichzeitig kann sie ihre eigene Glukose nicht mehr selbst verwerten, weil ihre Speicher überfüllt und insulinresistent sind. Was sie normalerweise teilweise einlagern würde, landet nun vollständig im Blut. Das Zusammenspiel aus „zu viel produzieren“ und „nichts mehr einlagern können“ erklärt, warum viele Menschen auch ohne Frühstück mit erhöhtem Nüchternzucker in den Tag starten.
Warum manche Menschen mit Typ-2-Diabetes nachts unterzuckern
Viele Menschen wundern sich, warum ihr Blutzucker morgens viel zu hoch ist – aber andere wiederum erleben das Gegenteil und wachen mitten in der Nacht mit einer Unterzuckerung auf. Wichtig ist: Typ-2-Diabetes selbst verursacht keine nächtlichen Hypoglykämien. Wenn der Blutzucker nachts abfällt, liegt das fast immer an äußeren Faktoren, vor allem an Medikamenten, die die Insulinmenge im Blut erhöhen. Spritzt jemand abends Insulin oder nimmt Medikamente wie Sulfonylharnstoffe, wirkt dieses Insulin oft noch viele Stunden – auch dann, wenn keine Glukose aus der Nahrung mehr nachkommt. Der Körper gerät dadurch in ein Ungleichgewicht: Insulin ist hoch, Energiezufuhr ist null – der Blutzucker fällt.
Hinzu kommt ein zweiter Mechanismus: Eine gesunde Leber wäre in der Lage, einen zu starken Abfall sofort auszugleichen, indem sie nachts etwas Zucker ins Blut abgibt. Doch bei vielen Typ-2-Diabetikern ist genau diese Funktion durch die Fettleber gestört. Die Leber erkennt nicht mehr zuverlässig, wann der Blutzucker zu stark sinkt, und reagiert zu spät oder zu schwach. Auch Alkohol am Abend kann diese nächtliche Gegenregulation blockieren, weil er für mehrere Stunden die Zuckerproduktion der Leber hemmt.
Das Ergebnis ist eine Situation, die zunächst widersprüchlich wirkt: Hoher Blutzucker am Morgen ist ein Zeichen einer überlasteten, insulinresistenten Leber – nächtlicher niedriger Blutzucker hingegen entsteht fast immer durch Medikamente, die stärker wirken als der Körper es ausgleichen kann. Beide Phänomene haben also unterschiedliche Ursachen, lassen sich aber durch dieselben langfristigen Maßnahmen entschärfen: weniger externe Insulinlast, längere Essenspausen, weniger raffinierte Kohlenhydrate und eine Leber, die wieder zur Ruhe kommen darf.
Zum Abschluss möchten wir noch einen Beitrag teilen, den wir erst kürzlich auf X gesehen haben. Er verdeutlicht das Problem bei Diabetes und bringt es gut auf den Punkt: Irgendwo scheinen wir im Laufe der Jahre falsch abgebogen zu sein, gerade an dem mPunkt, als Big Pharma begann mit Medikamenten gut an der Erkrankung zu verdienen.

Der Beitrag macht sehr deutlich, wie sich die Ernährungsempfehlungen für Diabetiker im Laufe der letzten 170 Jahre verändert haben. Während Ärzte im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch klar empfahlen, Zucker und Stärke strikt zu meiden, wurden die Empfehlungen mit dem Aufkommen moderner Medikamente Schritt für Schritt aufgeweicht. Heute raten große Organisationen sogar zu 45–60 g Kohlenhydraten pro Mahlzeit, kombiniert mit Insulin, Metformin oder GLP-1-Medikamenten. Der Autor weist darauf hin, dass sich nicht die Biologie des Menschen geändert hat, sondern das System: Je mehr medikamentöse Optionen es gab, desto großzügiger wurden die Ratschläge zu Kohlenhydraten. Seine zentrale Botschaft: Früher wusste man, dass Kohlenhydrate das Kernproblem sind – heute wird Diabetes oft wie ein Geschäftsmodell behandelt, statt wie eine Ernährungsstörung.




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